*24.08.1977 - †10.11.2009
...laß uns gehen auf deiner Spur, leite uns an deiner Hand, Kindern gleich am Gängelband." Diese Zeilen stammen aus der von Ernst Keil herausgegebenen Zeitschrift "Der Leuchtturm", sie sind 1847 unter dem Eindruck der aufkommenden Deutschen Revolution und dem repressiven - und könnten kaum aktueller sein.
Die Ministerin mit zuviel Tagesfreizeit nämlich, über die ich mich schon
wegen Kleinigkeiten zu genüge geäußert habe, ist zurück: Das neue Rammstein-Album ist auf Antrag des Familienministeriums indiziert. Nun halte ich das Album
nachweislich nicht für große Kunst, sondern eher für prolligste Blut-und-Sperma-Erheiterung für Testosteronmomente, und kann gleichzeitig verstehen, dass gerade Kinder nicht unbedingt so kritisch reflektieren und den Quatsch für ernsthaft cool halten. Wer der allgemeinen Verrohung Einhalt gebieten will, hat also durchaus Argumente für eine Indizierung.
Die
Begründung der BPjM (sinngemäß: "Ich tue dir weh" zeigt S/M-Praktiken, "Pussy" animiert zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr) wirkt jedoch etwas seltsam, da das Album mit "Wiener Blut" (der Inzest-Fall Fritzl aus der Ich-Perspektive) doch deutlich perversere Angriffsfläche zu bieten hat.
So liegt wieder der Verdacht nahe, hier bediene Ursula von der Leyen ihre antiquierte CDU-Linie: Schlimmes wird nicht effektiv bekämpft, sondern es werden willkürlich Sündenböcke mit populistischen Mitteln aus dem Blickfeld verbannt (auch eine Indizierung bedeutet lediglich: keine öffentliche Bewerbung, kein offener Verkauf an unter 18 Jahre alte Personen). Dass die entsprechenden Medien dennoch oder gerade deshalb massenhaft in Kinderzimmern und Schultaschen zu finden sind, will ich Frau von der Leyen gar nicht anlasten; ihr konservatives Weltbild aber verstellt ihr den Blick auf Realitäten und führt dazu, dass gegen die Vernunft, zugunsten irgendeiner "Sicherheit" und zu Lasten echter Initiative vorsorglich erstmal verboten und eingeschränkt wird. Freiheit, Eigenverantwortung, Selbstständigkeit - Fehlanzeige. Die Frau bemuttert eine ganze Nation und hält das vermutlich für sinnvoll - wie eine Mittvierzigerin im Kirchenvorstand, die ihren Pubertierenden vor "schlechtem Umgang" beschützt und ihm in Wahrheit nur die Fähigkeit nimmt, mit der Realität umzugehen. Irgendwann zündet der Bengel was an - und dann waren es wieder die bösen Filme vom Klassenkameraden.
Krank. Scheiße. Passt grad nicht.
Bevor mir die Titanic und Twitter diese sich aufdrängende Geschmacklosigkeit wegschnappen:
NPD-Vizevorsitzender Jürgen Rieger ist offenbar hirntot. Neu daran ist aber nur die medizinische Diagnose.
Es wird mir, nunmehr, alles zu schnell alt.
Ich bin mir sicher: Nicht wenige von diesen Metal-Typen mit den irre langen, glatten Haaren benutzen Glätteisen!
18:13 Uhr:
Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein!
18:19 Uhr:
OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott OhGott!
19:00 Uhr:
Wahlgewinner: Piraten, RWE & Co, zugekokste Börsen-Soziopathen
Wahlverlierer: SPD, gesunder Menschenverstand, Deutschland
19:19 Uhr:
Westerwelle spricht vom Schutz der Bürgerrechte, die er bald mit der CDU tatkräftig beschneiden wird.
19:24 Uhr:
"Computer mögen doppelt so schnell sein wie im Jahr 1973, aber der Durchschnittswähler ist so betrunken und dumm wie immer!" - Nixons Kopf in Futurama
20:11 Uhr:
Zukunftsmusik: Ab 2010 können Arbeitslose und Filesharer von der nationalen Sicherheitsbehörde (ein unkontrolliertes Konglomerat aus Polizei, Geheimdienst und Militär) zum Arbeitsdienst beim Atomkraftwerksneubau oder als Reinigungskräfte in Bankfilialen für einen Stundenlohn von 2,20€ zwangsverpflichtet werden.
Und nur dies noch zur Finanzkrise: Nirgendwo wurde während der Krise Geld verbrannt. Es ist nämlich nicht weg. Nur haben es jetzt Andere.
Der Gewinner-Wähler
Profil: Überwiegend männlich, ist durch sein Konsumverhalten für 3/4 aller (Mode-)Trends verantwortlich, mag Monopoly und MenschÄrgerDichNicht, sagt und denkt Konformistisches wie "So isses halt!" oder "Man muss sehen, wo man bleibt!", FC-Bayern-Fan, hat nicht selten BWL abgebrochen oder eine Banklehre gemacht.
Die Wut: Eigentlich wäre der Gewinner-Wähler ein guter FDP-Wähler. Leider fehlt es ihm dafür an politischem Bewusstsein und an Rückrat, weswegen er verhältnismäßig desinteressiert am Ende sein Kreuz da macht, wo er nach Presseberichten und Umfragen die stärkste Partei oder Fraktion vermutet; da seine Mutlosigkeit tendenziell gut mit den Konservativen harmoniert, fällt er momentan im Wahlvolk wenig auf. Der Gewinner-Wähler denkt in Mehrheiten: "Wer die meisten Fürsprecher hat, muss richtig liegen" lautet seine einfache Weltsicht, die er gern mit der Evolutionstheorie mehr schlecht als recht begründet, falls ihm eine Begründung denn nötig erscheint. Denn wenn er trotz seiner 4- in Geschichte eines gelernt hat, dann, dass die Sieger nicht nur die Geschichte schreiben, sondern überhaupt die Ansagen machen. Der Gewinner-Wähler lebt völlig und ausschließlich im Jetzt. Er ist bereit, Argumente zu vergleichen, solange sie am selben Tag in der selben Zeitung stehen (die BILD druckt allerdings selten ausgewogene Berichterstattung); was Politiker über längere Zeiträume sagen, wo Widersprüche und 180°-Kehren stattfinden - das ist kein Thema für den Gewinnerwähler. Er will richtig stehen, und wo jetzt gerade alle stehen, kann es so falsch nicht sein. Dass die SPD abgebaut hat kommt ihm entgegen, nimmt es ihm doch die komplexen Spekulationen über den Wahlausgang ab. Am Wahlabend lehnt sich der Gewinner-Wähler entspannt zurück und badet in dem wohligen Gefühl, die Mehrheit einmal mehr auf seiner Seite zu haben.
(Auch mal BILD-Überschriften machen)
Ich beginne heute mal, ungeordnet gegen Wahlvölker zu pöbeln, die in unserer Republik vertreten sind; je nachdem, wie viele mir einfallen, wird's ne Serie.
Die Öko-Konservativen
Profil: Im Schnitt Mitte 20 bis Anfang 40; im weiteren Sinne wohlhabender/bildungsbürgerlicher Herkunft; je nach Lage knapp noch keine oder bereits Kinder im einstelligen Alter; ihr Tempel ist der Bio-Laden um die Ecke; wählen schon immer "aus Überzeugung" die Grünen; tendenziell liebevoll und einfühlsam, dafür oft recht humorlos, erstrecht beim Thema "Mutter Erde"; machen im Prenzlberg, im Schanzenviertel oder in Sülz die Mieten kaputt.
Die Wut: Kaum eine Gruppierung regt mich so auf, wie diese. Zum Beispiel, weil sich diese Leute immer noch als politisch links einstufen würden, obwohl ihre letzte linke Aktion war, die Mutter von Mustafa beim Jugendamt anzuschwärzen, weil es dort vier mal die Woche Fischstäbchen gibt. Dabei haben die Öko-Kons die Leistungsideale, die aus der Verkehrung der 68er entstanden sind, selbst bestens verinnerlicht (was sie nicht daran hindert, sich als Fortsetzung von '68 zu begreifen): Ideologisch regiert bei ihnen ein neues Spießbürgertum, dessen Religion das gute Essen ist (der wohl unpolitischste Lebensbereich, klammerte man den Hungerstreik aus). Politik und Kultur nimmt man aufmerksam zur Kenntnis (Lesen ist den Öko-Kons heilig; Kochbücher sind die Bibel), das Engagement endet jedoch mit der Quartalsspende an Amnesty. Stattdessen kümmert man sich aufopferungsvoll um die Familie (die Familie steht bei den Öko-Kons vor allem, sobald Kinder da sind, sogar vor gutem Essen), und verachtet ein bisschen alle, die das nicht genauso machen; denn ihre Kinder sind den Öko-Kons Könige und Heilige (sie sind gewissermaßen die Wachablösung der Kochbücher). So lebt man in seinem modernen Biedermeiertum vor sich hin, ohne sich besonders intensiv am Leben außerhalb der eigenen Blase zu beteiligen. Finanziell ist man längst in der Unabhängigkeit angelangt, BAFöG ist zurückgezahlt (falls die Mutter der Familie nicht nebenbei wieder oder erstmals studiert), man hat geerbt oder das Erbe ein stückweit vorgezogen bekommen; jedenfalls ist Geld kein drängendes Thema. "Krise" bedeutet in dieser Welt, die absurd überteuerten Babyprodukte mal gegen die zweitbesten austauschen zu müssen, wenn der Mann 3-6 Monate Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit zu überbrücken hat (wobei beides unwahrscheinlich ist, da er als Ingenieur für regenerative Energien/Umweltanwalt in einer mittelgroßen Kanzlei/Öko-Spielzeug-Designer davon kaum betroffen sein wird). Trotzdem sagen sie mit dem Masochismus des aufgeklärten politischen Individuums eklig Selbstbeweihräucherndes wie "Wenn man soviel Glück gehabt hat wie wir, muss man auch an andere Menschen denken"; die "anderen Menschen" sitzen aber grundsätzlich weit weg in Afrika oder Vorderasien, wo man keine Angst haben muss, dass ihr Anblick einem den schönen italienischen Abend mit Malfatti und Tiramisu ruiniert, weil man sich selbst in seinem politischen Bewusstsein suhlen muss. Passiert ein Öko-Kon in der Fußgängerzone die Bettelmafia, presst er die Einkaufstüte/Handtasche eng an die Kunstlederjacke und geht mit diszipliniert geradeaus gerichteten Augen vorbei, um einige Meter entfernt erleichtert aufzuseufzen.
All das wäre irgendwie zu verkraften (und die Schnittmenge mit "guten" Leuten ist unübersehbar), wenn die Öko-Kons nicht ein erstaunliches Sendungsbewusstsein mitbringen würden: Man kann nur in ihrem Referenzrahmen mit ihnen kommunizieren, alles außerhalb interessiert sie nicht oder wird misstrauisch beäugt, wenn nicht gleich als Unsinn abgetan. Sie leben nach innen, nicht nach außen, als Traditionalisten bewahren sie, anstatt zu schaffen.
Sie werden auch Ende September wieder Grün wählen. "Aus Überzeugung". Wie verstockt, verkrustet, weltfremd sie bereits sind, dass sie die modernen Biedermeier darstellen und längst viel konservativer als ihre eigenen Eltern gworden sind, obwohl sie schonmal im Berghain bis 16 Uhr getanzt haben und ihren Zöglingen sogar ab und an McDonalds erlauben - das kriegen sie nicht mehr mit. Weil sie es nicht müssen: Es gibt ja genug wie sie. Uff.