...gelebt...

Montag, 27. Juni 2011

Attention (frz.)

Als junger Mensch habe ich diese eine Columbo-Folge gesehen, wo ein Show-Zauberer der Mörder ist und sein Opfer mit einer Guillotine aus seinem Fundus in die Falle lockt und umbringt. Erst zerschneidet er einen Kohlkopf damit, legt sich dann selbst darunter, wobei ihm aber nichts passiert. Als sein Opfer dann den Kopf hineinlegt, legt er einen Schalter um und zzzzzzitt - damals habe ich mir geschworen, nie meinen Kopf in die Guillotine eines Show-Zauberers zu legen. (Peter Falk war 'n Guter. Man sollte im Leben auch immer noch eine Frage haben.)

Donnerstag, 2. Juni 2011

Aber hier leben

Schön ist das nicht, was um Mitternacht am Trierer Hauptbahnhof ein- und aussteigt, prollt und lärmt, stöckelt und glotzt, wenn der nächste Tage ein Feiertag ist. Und plötzlich wird mir bewusst, was mir Tocotronic da gerade ins Ohr singen: "Aber hier leben, nein danke."

Montag, 7. März 2011

Der Automat war kaputt

Der Automat war kaputt. Wirklich. Aber das kann sie nicht wissen. Auch nicht, dass ich wirklich nur noch exakt 4 Cent im Portmonnaie habe. Ich bin vermutlich noch immer über das Maß hinaus betrunken, auch wenn ich mich dank der kühlen Morgenluft wieder nüchtern fühle. Ein Wunschkunde für einen diesigen Sonntagmorgen sieht anders aus. Ich bin das Gegenteil aus glasigem Blick und schlechter Geschichte.

Ich weiß nicht, ob sie das Geld für die Brötchen, die sie mir über die Theke reicht, bereits als gute Tat abhakt. Skeptisches, aber eben doch blindes Vertrauen. Auch das gibt es. Gottseidank.

Montag, 23. August 2010

Frau Müller und Herr S.

Frau Müller (die in Wirklichkeit anders heißt) war damals am Gymnasium meine Kunstlehrerin. Nicht die einzige, aber die einzig wichtige. Eine, die uns mit Wärme und Interesse begegnete, die es uns nichtmal übel nahm, wenn wir in unserer hormonellen Verblendung ihre spannenden Informationsangebote zu alten und neuen Künstlern ausschlugen. Eine, die uns auch mal aus fremdem Unterricht in der 3. Stunde zur Prüfung holte, nachdem wir die 1. bei ihr bewusst deshalb geschwänzt hatten - ohne, dass wir es ihr übel nehmen konnten.

In typisch fünfzehnjähriger, aufmerksamkeitsheischender Weise schleuderte ich ihr mal entgegen, dass ich Christoph Schlingensief gut fände. Was stimmte, nur hatte ich keine Ahnung, welche Dimension oder Bedeutung der Künstler zu jener Zeit bereits hatte. Frau Müller aber begann ein Gespräch über Schlingensief. Über das deutsche Kettensägen-Massaker. Die Herkunft und Bedeutung der Leinwand bei Schlingensief. Und vieles mehr. Sie tat, worauf ich nicht recht gefasst war: Sie nahm mich ernst, und redete - wenn schon nicht auf Augenhöhe, so doch auf die Art, wie sich eine erfahrene Kunstlehrerin in ihren Vierzigern respektvoll mit ihrem Schüler um die fünzehn unterhalten kann.

Was nur dazu führte, dass ich mich - im wohligen Gefühl, von einer älteren, wissenden Person ernst genommen worden zu sein - weiter mit Schlingensief beschäftigte und sein Wirken verfolgte, die Möllemann-Aktion, die Kirche der Angst, das Nazi-Stück, die Container-Aktion in Österreich, seine Inszenierungen an der Volksbühne, in Bayreuth und Burkina Faso.

Um das Jahr 2000 herum habe ich sicher nicht jeden Ansatz, jedes Thema verstanden, das Schlingensief in seiner rasenden, kunstaktionistischen Medien- und Kulturschelte "U3000" verarbeitet hat - aber diese acht mal glänzend inszenierte und aufgeführte Tour de Force weckte bei mir intuitiv Kräfte und Bewusstsein, wie ich es selten gespürt hatte. Um rückblickend und verklärend zu übertreiben: Schlingensief öffnete mir die Augen über die Welt, und ich merkte es nicht einmal richtig.

Jetzt ist er tot und ich denke an vieles, was er - auch abseits der abgegriffenen, wenngleich großartigen YouTube-Clips - gesagt hat. "Wähle dich selbst". "Scheitern als Chance". Schöner, lauter und effektiver ist wohl kaum einer gescheitert.

Sonntag, 25. Juli 2010

Die Loveparade, das Unglück und die Berichterstattung

Hier nur ein paar Gedanken zu dem Unglück auf der Loveparade und der folgenden Berichterstattung (hätte ich schnell genug geschaltet und alles Auffällige zentral gesammelt, hätte ich hier nun im Wortlaut alle Tweets zitieren können, das geht nun leider nur ausgewählt):

- die WDR-Berichterstattung, insbesondere die der nach meinem Eindruck ehrlich erschütterten Thomas Bug und Catherine Vogel, war akzeptabel - sachlich, nachrichtlich und um eine gewisse Dezenz bemüht (zumindest, solange ich eingeschaltet hatte). So kann man mit einem solchen Ereignis umgehen, erst recht, wenn man ohnehin live berichtet und die Möglichkeit, sich nicht zu äußern, damit bereits ausfällt. Warum einige Leute reflexartig den WDR anpöbeln, ist mir da ein Rätsel - nicht alle Medien sind kapitalistisch motivierte Voyeure, nicht alle Journalisten vergessen auf Kommando Anstand und Ethik.

- die BILD.de-Berichterstattung ist gewohnt unangenehm, ging aber auch nicht über das Maß an Voyeurismus und Pietätlosigkeit hinaus, das das Medium bei vergleichbaren Fällen immer schon an den Tag gelegt hat. Das macht es nicht ein bisschen besser, aber mit den Superlativen, die manche da formulieren, wäre ich vorsichtig. Und wo die Zeitung ausdrücklich Fotos von Toten (nicht: Opfern oder Verletzten, sondern Toten) gezeigt oder vergleichbares angekündigt haben soll (wie vielfach als Tweet oder Retweet zu lesen war) ist mir immer noch ein Rätsel; im Twitter-Account und auf der Webseite habe ich nichts entsprechendes gefunden. UPDATE SIEHE KOMMENTARE

- die plötzliche Aufregung enthemmt gerade auf Twitter viele, so dass sich schnell das Bahn bricht, was ich den "ganz normalen Stammtisch" nennen würde, nur eben ohne die soziale Normierung durch die Anwesenheit anderer. Das ist nicht schön, aber letztlich ein Abbild der Gesellschaft. Eklig wird es stellenweise trotzdem, und manches will ich einfach nicht mehr lesen müssen: nicht die von rechtsaußen herannahende, ans Asoziale grenzende Gefühlskälte von einfach_Yosh ("Oute mich mal als nicht-pflicht-betroffen: Wenn ich auf eine fick-drogen-rave party gehe, weiß ich, dass das übel für mich enden kann"), und auch nicht den hämischen, homophoben, menschenverachtenden Dreck von Lori_ftw ("Da hats mal die richtigen erwischt, die Schwuletten haben sich selbst totgetrampelt, gibts was schöneres? #loveparade"). Stellvertretend für viel anderen schlimmen Scheiß, den ich nicht mehr wiederfinde.

- ähnlich schlimm: Alle, die das Unglück als Anlass nehmen, um relativ zusammenhangslos Tiraden zu ihrem Leib-und-Magen-Thema (Kindersterblichkeit in Afrika, unfähige Politik, böser Kapitalismus, unverschämte Deutsche Bahn, Killerspiele uvm.) loslassen, anstatt beim Thema zu bleiben.

- Werbetweets für Pornos etc. mit dem Hashtag #loveparade zu versehen müsste doch strafrechtlich schon was hergeben, oder?

- dass irgendein Nutzer bei Der Westen vor zwei Tagen kommentierte, bei dem engen Zugang über den (Unglücks-)Tunnel sähe er schon Tote, bedeutet weder, dass das Unglück so wie geschehen unausweichlich war, noch, dass die Veranstalter daran eindeutig die Schuld tragen. Warten wir ausreichend lange die Fakten ab.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Southside 2010

Untertitel: "Ich bin zu alt für den Scheiß" oder "Wie ich eines schönen Sommerwochenendes völlig im Schlamm versank". In 10 Jahren Festivalerfahrung habe ich so ein Mistwetter noch nicht erlebt - von Donnerstagabend bis Freitagnachmittag durchgehender Platzregen, danach immer mal wieder Schauer, annähernd keine Sonne, und die berüchtigte Schafskälte. Und das, wo ich mit Restbronchitis angereist war... Als Folge des Regens waren Festival- und Campinggelände ein einziges Schlammloch, knöcheltief und tiefer watete man durch endlosen Schlammassel endlose Schlammmassen vorwärts. Wer's für Übertreibung hält, hier ein paar Impressionen:



Die Organisatoren erschienen mir und anderen solide überfordert: Nicht, dass sie das Wetter beeinflussen könnten. Aber Stroh und Holzschnipsel in großem Stil auf Festivalgelände und Campingwege streuen, Notunterkünfte für auf dem überbelegten Campingelände nicht untergekommene Besucher einrichten, mehr als ein Nadelöhr als Einlass öffnen - so schwer wäre das nicht gewesen. Stattdessen stand man sinnlos 1-2 Stunden an der Bandausgabe, wo für tausende Anreisende immer nur ein winziger Durchlass offen und der auch erst seit 16 Uhr donnerstags geöffnet war (warum nur?!), campten verzweifelte Menschen im wegen voller Kanalisation ohnehin geschlossenen Duschzelt (wegen seines Flüchtlingslagercharakters von uns bald nur noch "Haiti" genannt), und waren die Wege kaum begehbar. Wir haben uns regelrecht als Unmenschen gefühlt, als wir am Donnerstagabend mit Hinweis auf nachts ankommende Freunde völlig durchnässte Camper von unseren freigehaltenen Flächen vertreiben mussten... an die Orga: So nicht! Amen.

Der Donnerstag läuft recht ereignisarm aus, die Kälte treibt viele von uns zügig in die Zelte, Grillen ist Nahrungsaufnahme und Wärmequelle, und so richtig feierlaunig ist bei der durchdringenden Nässe auch keiner.

Freitag
Freitags setzt sich der Trend zunächst fort: Grau am Himmel, grau in den Gesichtern. Erst der eine oder andere Bierschlauch vermag am frühen Nachmittag etwas gegen die Misere zu unternehmen. Camp- und Festivalleben ist bis hierhin rar, im Grunde ist man ununterbrochen mit dem Kampf gegen Kälte und Nässe beschäftigt. Der Besuch einiger schwer betrunkener, mutmaßlich minderjähriger Schweizerinnen wirkt dem dann doch entgegen: Nicht nur, dass ihr lustiger Dialekt für die Unterscheidung zwischen großem (für Bier verwendeten) Bierschlauch, und dem gerade Fingerlangen Shot-Röhrchen (ab hier nur noch "Schluch" genannt) sorgt, die kleinen sind trinkfreudig, aber auch phänomenal betrunken - nur ihr Busen verhindert, dass die kleine Katja noch näher auf mich zukommt, als sie mir etwas entgegen lallt. Dann geht sie mit ihren Freundinnen weiter und fällt erstmal im Schlamm um (ab welchem Alter hat man als noch gerade eben junger Kerl eigentlich Sorgfaltspflicht für die blutjungen Festivalgänger?).

Während die meisten sich Deutschlands Katastrophenspiel gegen Serbien im Regen auf der Leinwand ansehen, bewege ich mich am frühen nachmittag angenehm bierbeduselt ins Shisha-Zelt. Ein Pfeifchen später stapfe ich ohne konkretes Ziel erstmal zu Turbostaat ins Zelt, die ich eigentlich sehr gut finde, die mir in dem Moment aber zu stressig sind, so dass ich nach kurzer Zeit weiterziehe.

Auf einem Haufen einigermaßen trockenen Strohs lasse ich mcih schließlich nieder und lausche aus der Ferne Jack Johnson, der ein wenig gegen den tristen Himmel anspielt. Nett und sympathisch, aber auf Konzertlänge offenbar nicht so packend, schließlich schlafe ich zwischendrin ein.

Nach kurzer Pause geht es weiter, ich will Frittenbude sehen, bin aber von dem enormen Andrang im Zelt schnell genervt, so dass ich trotz starken Konzerts nach wenigen Songs etwas essen gehe, und dann zuindest noch einen Rest von Faithless mitbekomme.

Weil SMS-Kommunikation leicht verzögert eintrifft und ich den Treffpunkt verpenne, ist Ela sauer und ich mache mich zwecks Neugruppierung am Zelt auf den Weg zurück, was im Schlamm schonmal eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt.

Zurück auf dem Gelände sehe bzw. höre ich noch den Rest von Faithless - dürfte trotz Mini-Eindruck eine gute Show gewesen sein.

Die Strokes sind dann das erste komplette Konzert, dass ich mir ansehe. Julian Casablancas ist offenbar besoffen, singt aber tadellos, und seine Band spielt nahezu unbeweglich, aber wasserdicht ein Hit-Set von "New York City Cops" bis "Heart In A Cache" herunter, dass sich gewaschen hat. Etwas kürzer als gedacht, aber extrem auf den Punkt. Diese Band spiegelt nicht mehr den Zeitgeist und sollte vielleicht auch kein weiteres Album mehr machen (denn sie hat eigentlich nichts wesentliches mehr zu sagen), aber ein starker Auftritt bleibt es.

Massive Attack sind dann das erwartete Highlight: Souveräne, trippige Elektronik, die von den drei grandios entrückten Sängern veredelt wird. Eine traumhafte Erfahrung, die wir wegen der beißenden Kälte aber nur zu 2/3 sehen, bevor wir ziemlich zügig in unseren Zelten verschwinden.

Samstag
Auch der Samstag sprüht nicht direkt Funken - außer, dass Haiti geräumt wurde, und Duschen und WCs nach sinkendem Wasserstand in der Kanalisation immer mal wieder benutzbar sind, passiert wenig Aufregendes. Eigentlich hätte ich gern LaBrassBanda gesehen, aber 13.30 Uhr sind eine unchristliche Festivalzeit.

Bis zu Hot Water Music schaffen wir es aber doch vor die Bühne, wo dank Nieselregen und Uhrzeit viel Platz ist. Die Show ist engagiert, aber nicht überragend, vielleicht muss ich mich mit der Band auch noch einmal intensiver befassen.

Eigentlich warte ich ja nur auf meine Helden The Gaslight Anthem, die nun auftreten. Brian Fallon wirkt tätowierter und sicherer, als noch vor einem Jahr. Er gibt sich ein bisschen überheblich, das aber mit so viel Spaß und Augenzwinkern, dass man ihn nur lieben kann. Die neuen Songs von "American slang" kommen live gut, Fallons Stimme ist noch immer zum Schmelzen, und die alten Hits von "The '59 Sound" werden sowieso gefeiert bis zum gehtnichtmehr. Leider spielt die Band nichts vom punkigeren Debüt "Sink or swim", das ist dann aber auch schon die einzig mögliche Klage.

Und dann kommt Dendemann. Und der hat Bock. Die beste Frisur hat er sowieso, seine Band steckt in edler Ballonseide, der Gitarrist hat einen astreinen Oberlippen-Scnörres - da kann nichts schiefgehen. Mit Wucht röhrt sich Deutschlands bester Rockrapper durch sein neues Album und ein paar alte Stücke, dass es eine wahre Freude ist. Da lässt sich dann sogar die Sonne kurz blicken, nachdem die Menge ihre beiden "Vetokarten" (=Hände) gegen das Ende von Dendes Konzert und den Regen eingesetzt hat. Lauter werden die "Zugabe"-Chöre an diesem Wochenende nicht mehr als hier. Ein überlegenes Konzert.

Danach sind wir gut durchgerockt und machen Pause auf dem Zeltplatz. Erst zu späterer Stunde lassen wir The Prodigy und Dropkick Murphys links liegen und gehen zu Tegan & Sara ins Zelt. Offenbar sind die beiden Schwestern feminine Role Models, schließlich ist der Gutteil des Publikums weiblich und tendenziell hysterisch. Abgesehen von ein paar plump anbiedernden Ansagen der beiden steht einem sehr schönen, angenehmen Indiekonzert also nichts im Wege. Das sich dann auch ziemlich genau so abspielt. Muss man vielleicht mal in Ruhe reinhören, gute Band.

Mit sanfter Gewalt habe ich Ela dann soweit, dass sie sich trotz massiver Abneigung gegen die Musik die Deichkind-Show anguckt. Welche ihr sogar ein wenig zusagt, aber auch hier treibt die Kälte uns ins Zelt. Entgegen meiner Erwartung war die Hälfte der Show, die wir sahen mit der aus dem letzten Jahr ziemlich identisch - nix mit Deichkind 3.0. Wenn sich da nicht nochmal was tut, muss ich den Oraklern demnächst doch rechtgeben, die da behaupten: Das Ding ist durch. Gut durchkomponiert ist das dennoch.

Zurück am Zelt klärt Joni auf, dass einige unserer Zelte durchwühlt wurden. Bei mir ist nichts durchsucht, manches Verschollene findet sich 10 Meter weiter, selbst alle Wertsachen sind noch da, nur Camillos Rucksack bleibt das einzige Opfer dieses ziemlich seltsamen und sinnlosen Diebstahls, bei dem sogar die Zelte einiger Nachbarn aufgeschlizt wurden.

Sonntag

Die Luft ist raus - erstaunlich viele Zelte werden schon vor dem Mittag am Sonntag abgebaut - wer bis hierhin durchgehalten hat, hat auch einiges hinter sich. Wir bauen auch schon mal ab, um gegen Abend nach den letzten Wunschacts zügig los zu kommen.

Los geht's heute mit Frank Turner, der Damien Rice auf Indie trimmt und sich ganz ganz doll darüber freut, Rockstar zu sein, zumindest schließe ich das aus seinen immer etwas zu sehr geschrieenen Ansagen. Aber so ein bisschen Überm otivation macht nichts, schließlich kommt die Musik dazu von Herzen. Gut.

Biffy Clyro sind toll, das weiß ich. Nur spüre ich es heute nicht recht - die kühlen Schotten dringen trotz uter Performance nicht zu mir durch. Vielleicht einfach nicht so ganz meine Band.

Kashmir im Zelt laden ein zu einer elegischen Indie-Pop-Fahrt: Ohne viel Schnörkel, aber souverän und spielfreudig präsentieren sie viel altes und wenig neues Material, was ihnen von einem freundlichen Publikum gedankt wird.

Dann die Deftones, die es ausschließlich in zwei Zuständen zu sehen gibt: Hundsmiserabel oder überwältigend. Der Soundcheck mit gefühlten 20 Personen ist etwas verstörend, irgendwas scheint da nicht zu klappen, es geht später los, als geplant. Dafür dann aber richtig: Chino Moreno ist topfit, brüllt und singt an seiner Obergrenze, und Ersatzbassist Sergio Vega ersetzt den im Koma liegenden Chi Cheng solide. Leider bin ich schon etwas zu müde für den insgesamt doch recht gleichförmigen Deftones-Sound, viel mehr als das allgegenwärtige Kopfnicken kann ich nicht mehr. Und "Digital Bath" oder "Hole In The Earth" wären schön gewesen. Sonst aber ein mehr als ordentlicher Auftritt.

Dann das nächste große Highlight: Marina & The Diamonds im Zelt. Wer diese zauberhafte Marina Diamandis noch nicht erlebt hat, wie sie da über die Bühne wandelt, mit ihrem kleinen Körper und ihrer großen Stimme zwischen Kate Bush, Tori Amos und Madonna - der hat echt was verpasst. Diva? Ja, bei all dem Ausdruckstanz. Gekünstelt? Nee, die ist einfach ein wenig exaltiert, wie auch ihr Pop, der so schräg zwischen Indie und eingängigen Melodien liegt, das es eine Freude ist. Ganz, ganz große Songs, ganz ganz großes Konzert. "I love you too" kommentiert sie den großen (und wieder sehr weiblich dominierten) Jubel am Ende und ist so glückselig wie die Menschen im Publikum.

Skunk Anansie und Danko Jones höre ich nur noch halb aufmerksam aus der Ferne, erstere scheinen in den Neunzigern stecken geblieben, letztere machen das gleiche wie immer, aber so richtig cool erscheint mir das nicht mehr, wie Danko den Obermacho und Superrocker gibt.

Eigentlich will Ela noch Element Of Crime sehen, aber weil wir die schon mehrfach gesehen haben und eh nichts wesentliches mehr spielt, brechen wir erstmals vor dem runden Festivalabschluss durch die letzte Sonntagsband auf. Da mein Stuhl geklaut wurde, tue ich etwas Unverzeihliches, über und für das ich mich immer noch selbst ärgere und schäme: Klaue mir auch einen - wofür mich Karma am nächsten Tag direkt mit einer Autopanne straft...

Insgesamt das anstrengenste Festival meiner Laufbahn - das nächste Jahr ist nicht wie sonst gesetzt, sondern muss erstmal diskutiert werden. Auch Upgrades im Lebensstil (Wohnwagen, Hotel) sind derzeit mögliche Varianten für weitere Jahre. Ansonsten auffällig: die riesigen Superacts der Marke Red Hot Chili Peppers oder Metallica werden immer mehr die Ausnahme (höchstens die Beatsteaks fielen da dieses Jahr noch drunter, vielleicht auch Billy Talent), der Trend geht zu kleineren und mittelgroßen Acts. Nicht unbedingt eine schlechte Entwicklung. Und insgesamt ist mir das Southside mit seinen 50.000-60.000 Menschen mittlerweile eigentlich zu groß und stressig, wie damals auch Rock Am Ring irgendwann. Das familiärere, kleinere, mit weniger großen Namen besetzte Festival könnte da die Lösung sein. Und: Ich bin schon Rockopa, wenn ich mir die 16jährigen überdrehten Leute angucke - ich muss mir da im Vergleich einfach ncihts mehr beweisen. So ungefähr sieht's aus.

Donnerstag, 28. Januar 2010

Sebastian

Wenn ich über Sebastian nachdenke, ist das immer ein kleiner Selbstbetrug. Vielleicht auch ein großer, wer weiß. Weil das mit Sebastian so lange her ist, und der Verstand mir Streiche spielen könnte, oder ich mich selbst betrüge, aus den unsinnigsten Gründen, die mir so gar nicht einfallen. Aber wenn ich hier über Sebastian schreibe, ist es für mich nichts anderes als die Wahrheit.

Und dann war Sebastian tot. Einfach so. Ohne Zeitlupe, ohne Musik. Sogar ohne jedes Bild. Er war weg. Auch in mir war Sebastian weg, da wo er vorher gewesen war, war ein leerer Platz. Ich war irgendwie wohl traurig, aber vor allem: leer, an Sebastians Stelle.

Ich wusste nichts vom Sterben. Genau genommen auch nichts vom tot sein. Mein Großvater war tot, schon lange. An einem Morgen war mein Meerschwein tot. Ich habe es mir nicht angesehen, ich habe Hausaufgaben gemacht, und dann irgendetwas anderes. Meine Mutter hat das Meerschwein dann weggemacht. Mit einer Schaufel. Das weiß ich nicht mehr, aber ich stelle es mir so vor.

Vielleicht hat jemand Sebastian mit einer Schaufel weggemacht. Und dann etwas anderes. Das ist auch heute noch ein sehr seltsamer Gedanke, weil ich nicht genau weiß, was er bedeutet.

Ich erinnere mich an zwei Dinge von Sebastian: Er war ein sehr guter Schwimmer, er konnte schon mit 10 oder 12 eine ganze 25-Meter-Bahn hindurch tauchen, mit Flossen sogar noch weiter. Er hatte eine Badeshorts, während ich eine enge Badehose trug. Wahrscheinlich habe ich Sebastian ein kleines bisschen bewundert. Wahrscheinlich war Sebastian mein Freund.

Die zweite Sache ist das Lied, über das ich, glaube ich, schon einmal geschrieben habe: Er hatte das Martins-Lied umgedichtet: "Ich geh mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir, dort oben leuchten die Sterne, und unten leuchten wir. Mein Licht ist aus, ich geh nach Haus, Rabimmel, Rabammel, Rabumm" heißt es im Original. Bei ihm hieß es: "Ich geh mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir, dort oben bumsen die Sterne, und hier unten bumsen wir. Mein Sack ist leer, ich kann nicht mehr, Rabimmel, Rabammel, Rabumm."

Eine Weile danach habe ich Sebastians Vater gesehen, der bei der Straßenmeisterei arbeitete und auf der Straße etwas mit einem Gerät maß. Vielleicht habe ich ihn auch nur in der Zeitung gesehen, oder beides. Er sah ernst aus, aber Sebastians Vater war streng, vielleicht sah er so aus.

Es gibt keine richtige Kombination von Wörtern, die beschreibt, was mit Sebastian passiert ist. Er ist nicht getötet worden, auch nicht umgebracht, angefahren, totgefahren, er ist auch nicht einfach gestorben. Er war dann tot. Wir haben in der Schule gebetet, das Vaterunser. Auf der Beerdigung hat ein Mädchen sehr geweint, in das ich verliebt war.

Peggy war früher tot als Sebastian. Peggy war meine Babysitterin, mit der ich um das Aufbleiben gefeilscht habe. Sie war derb und fasste mich manchmal ein bisschen grob an. An einem Morgen ist meine Mutter in Tränen ausgebrochen. "Peggy ist tot" hat sie gesagt. Das war in unserem alten Haus. Die Milch war bei diesem Frühstück viel zu warm, fast heiß, und schmeckte angebrannt. Meine Mutter hatte sich um Peggy gekümmert, Peggy kam vielleicht aus schwierigen Verhältnissen. Sie saß in einem Auto, nach der Disko ist der Fahrer gegen einen Baum gefahren. Peggy war 17, oder vielleicht 18, aber 17 erscheint mir wahrscheinlicher. Ich habe an dem Morgen zu meiner Mutter, oder vielleicht auch zu niemandem, leise gesagt: "Deshalb schmeckt die Milch so angebrannt."

Montag, 25. Januar 2010

Am 8. Tag

Und Bon Scott sprach:

"Let there be light, and there was light
Let there be sound, and there was sound
Let there be drums, there was drums
Let there be guitar, there was guitar, ah
Let there be rock"



Sonntag, 17. Januar 2010

Hank from hell

Ich sitze drinnen und draußen zerbröckelt die Welt.

Nachdem die einzig wahren Deathpunks Turbonegro nach ihrer Wiederauferstehung 2002 nochmal eine recht ordentliche halbe Dekade zustande gebracht hatten, fiel das Mutterschiff ab 2007 auseinander: Rhythmusgitarrist Rune Rebellion raus, weil er sich um die Familie und sein Plattenlabel kümmern wollte; Drummer Chris Summers raus, angeblich wegen persönlicher Differenzen; Band zeitweise auf Eis, weil Leadgitarrist Euroboy Lymphknotenkrebs hatte, der offenbar noch einmal erfolgreich therapiert werden konnte.

Und nun liefert sich Sänger Hank von Helvete - seine früheren Drogenproblemen und mentalen Schwierigkeiten dürften nicht unwesentlich zum ersten Bruch der Band 1998 geführt haben - dem Einfluss von Scientology (!) aus und lässt sich für wirre Kampagnen gegen psychiatrische Behandlungen missbrauchen?! Und die Band ist damit bis auf weiteres Geschichte?! Großartig...

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Frohe Weihnachten!


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