Montag, 23. August 2010

Frau Müller und Herr S.

Frau Müller (die in Wirklichkeit anders heißt) war damals am Gymnasium meine Kunstlehrerin. Nicht die einzige, aber die einzig wichtige. Eine, die uns mit Wärme und Interesse begegnete, die es uns nichtmal übel nahm, wenn wir in unserer hormonellen Verblendung ihre spannenden Informationsangebote zu alten und neuen Künstlern ausschlugen. Eine, die uns auch mal aus fremdem Unterricht in der 3. Stunde zur Prüfung holte, nachdem wir die 1. bei ihr bewusst deshalb geschwänzt hatten - ohne, dass wir es ihr übel nehmen konnten.

In typisch fünfzehnjähriger, aufmerksamkeitsheischender Weise schleuderte ich ihr mal entgegen, dass ich Christoph Schlingensief gut fände. Was stimmte, nur hatte ich keine Ahnung, welche Dimension oder Bedeutung der Künstler zu jener Zeit bereits hatte. Frau Müller aber begann ein Gespräch über Schlingensief. Über das deutsche Kettensägen-Massaker. Die Herkunft und Bedeutung der Leinwand bei Schlingensief. Und vieles mehr. Sie tat, worauf ich nicht recht gefasst war: Sie nahm mich ernst, und redete - wenn schon nicht auf Augenhöhe, so doch auf die Art, wie sich eine erfahrene Kunstlehrerin in ihren Vierzigern respektvoll mit ihrem Schüler um die fünzehn unterhalten kann.

Was nur dazu führte, dass ich mich - im wohligen Gefühl, von einer älteren, wissenden Person ernst genommen worden zu sein - weiter mit Schlingensief beschäftigte und sein Wirken verfolgte, die Möllemann-Aktion, die Kirche der Angst, das Nazi-Stück, die Container-Aktion in Österreich, seine Inszenierungen an der Volksbühne, in Bayreuth und Burkina Faso.

Um das Jahr 2000 herum habe ich sicher nicht jeden Ansatz, jedes Thema verstanden, das Schlingensief in seiner rasenden, kunstaktionistischen Medien- und Kulturschelte "U3000" verarbeitet hat - aber diese acht mal glänzend inszenierte und aufgeführte Tour de Force weckte bei mir intuitiv Kräfte und Bewusstsein, wie ich es selten gespürt hatte. Um rückblickend und verklärend zu übertreiben: Schlingensief öffnete mir die Augen über die Welt, und ich merkte es nicht einmal richtig.

Jetzt ist er tot und ich denke an vieles, was er - auch abseits der abgegriffenen, wenngleich großartigen YouTube-Clips - gesagt hat. "Wähle dich selbst". "Scheitern als Chance". Schöner, lauter und effektiver ist wohl kaum einer gescheitert.

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KleinesF - 8. Sep, 15:54

Effektives Scheitern? Ist das so?

DeDe - 10. Sep, 12:01

"Effektiv", weil beinahe alles, was er gemacht hat, sehr auf den Punkt kam und funktioniert hat. "Scheitern", weil die Verhältnisse und all der Mist, den er sich zum Thema genommen hatte, am Ende eben doch unbeeindruckt und unverändert blieben.

Wichtig war und ist er deshalb natürlich trotzdem.

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