Mittwoch, 12. Juli 2006

Zu Gast bei Verwirrten?

Die WM ist vorbei, und ich ziehe hier über ein Thema Bilanz, das mich schon einige Wochen beschäftigt: Nationalgefühl, Flaggenwahn, Deutschlandparty.

Zwei Sorten Menschen sind mir (real, in Zeitungen und Zeitschriften, im Internet oder aus Erzählungen) in den letzten vier Wochen hauptsächlich begegnet:
Die Einen, die dauerbeflaggt das neue Wir-Gefühl feierten, und die WM zum Anlass nahmen, seeehr stolz auf Deutschland, die Deutschen und sich selbst zu sein. Von positivem Nationalgefühl und dem neuen Schwung im Land war da die Rede, irgendwie waren sie alle ganz verzaubert von dem herrschenden Enthusiasmus; besoffen von schwarz--rot-gold.
Und es gab die Anderen: Sie waren die Mahner, die Gift und Galle auf das "nationalistische Gehabe" spuckten, Fussball natürlich sehr gern, aber das Event in all seinen Ausprägungen (Public Viewing, betrunkene Massen, Deutschlandfahnen auf und an allem...) nicht mochten. Mit ausdauernder Verachtunng wurden alle verbal als Idioten und Faschisten abgestraft, die es wagten, öffentlich Fussballlieder zu singen und (entgegen der Misanthropie und schlechten Laune der Kritiker) unbeschwert Spaß zu haben.

Das die Wahrheit, bzw. die gesunde Wahrnehmung des Ganzen irgendwo in der Mitte liegt, war zu erwarten.

Nach der Niederlage Deutschlands im Halbfinale zeigte sich schnell, wie stabil das neue Wir-Gefühl ist: kaum eine Flagge am nächsten Tag, hängende Mundwinkel, von Euphorie über das tolle Land keine Spur. Den vielen Verklärern und Populisten, die eben jenes Gefühl ausgerufen hatten (viele kühl berechnend auf den eigenen Vorteil schielend), mag entgangen sein, das es um etwas sehr simples ging: um Fussball. Wer auch immer es sich anders eingeredet haben mag, aber der Stolz und die Begeisterung bezogen sich immer auf die Nationalmannsschaft, "Wir" waren die ganze Zeit Klose, Podolski und Co.
Auch ich habe mich bemalt, bin trinkend, singend und feiernd auf öffentliche Plätze vor Leinwände gezogen und war nach dem Auftaktspiel begeistert von unserer Mannschaft, obwohl ich sonst kaum Fussball sehe. Nur habe ich immer Fussball, immer diese 11 Spieler gefeiert, nicht das Event WM, nicht das Land, das sie ausrichtet, nicht diese ominöse Volksgruppe der "Deutschen".

Das manchen der überbordende Stolz ihrer Mitbürger auf die Nerven gegangen ist, mag verständlich sein. Und einige haben sicherlich auch die WM als Anlass genommen, ihr verkümmertes Selbstbewusstsein mit Nationalismus wieder aufzupolieren. Aber grundsätzlich alles mies zu machen, was die WM einem angeboten hat, finde ich dann auch wieder unangemessen. Nichts ist verwerflich daran, wenn Deutsche gemeinsam gute Laune haben und feiern. Nur sollte ihnen eben klar sein, dass sie dazu nicht den Anlass "Deutschland" brauchen. Stolz sein kann man auf viele Dinge in diesem Land, nur eben auf das Land selbst (dieses nicht greifbare, komplexe Etwas) meiner Ansicht nach eben nicht. Wo andere das Ende der "typisch deutschen Miesepetrigkeit" sehen, erkenen ich genau die deutscheste aller Eigenschaften in den letzten 60 Jahren: Das Thematisieren des "Deutsch sein". Dass Große Mengen von Menschen mit Nationalsymbolen herumliefen, konnten die Moralwächter nur als Nationalismus oder Zeichen für ein neues positiveres Deutschlandbild deuten; abseits dieser Extreme fiel offenbar niemandem etwas ein, vielleicht, weil es nicht kontrovers oder bahnbrechend genug gewesen wäre, einfach nur Fussball als Grund zu nennen, vielleicht, weil sich daraus nicht (mehr) genug Kapital schlagen ließ.
Ich lebe gern hier, in diesem Deutschland. Aber ich bin nicht stolz auf dieses Land. Weil ich nicht wahllos stolz bin. Nicht stolz auf Sozialabbau, nicht stolz auf Neo-Nazis, nicht stolz auf den faulen Installateur, der meine Dichtung nicht ordentlich ersetzt hat. Alles das ist Deutschland; wer auf Deutschland stolz ist, schliesst hunderte, tausende Dinge ein, die er in Wirklichkeit bestenfalls unschön findet. Stolz bin ich auf Goethe's Literatur, Willy Brandt's Kniefall, die Fürsorge meiner Mutter. Den Begriff Deutschland benutze ich dabei bestenfalls alls geographische Angabe oder als geschichtliches Gebilde. Für all diese Dinge, auf die ich stolz bin, trägt kein Land die Verantwortung, diese Dinge bilden nur am Ende das Land.
Daher sage ich nochmal: seid stolz auf eure Mannschaft, Leute! Feiert sie und euch, aber verwechselt nicht Fussballbegeisterung mit Vaterlandsliebe.
Und an die "Anti-Deutschen": vor lauter blindem Verurteilen ist euch entgangen, das 4 Wochen lang eine sehr gute Stimmung in diesem Land herrschte. Und das darf man in diesem Fall auch mal gut finden. Genug normale Leute haben einfach eine gute Zeit gehabt, ohne sich ständig den Kopf zu zerbrechen, was für ein Symbol sie (inter-)national setzen. Nicht kopflos, aber mit genau der Lockerheit, wie sie angebracht war. Manchmal muss man seine Skepsis überwinden.

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