Freitag, 23. Mai 2008

Drainage im Feuchtgebiet

Ich habe endlich Frau Roches "Feuchtgebiete" gelesen (um drüber zu reden, reichten die Leseproben zunächst auch).

Zunächst: Es ist schlecht geschrieben. Ohne besonderen Stil, dramaturgisches Geschick oder sonst etwas, das man einem guten Buch zurechnen würde. Fast naiv und kindlich wird da stellenweise herumformuliert, was höchstens 10 Minuten als erfrischend durchgeht.
Eine Geschichte oder Figuren hat das Werk ebenfalls kaum zu bieten; Handlungsstränge wie die Familientragödie oder Helens Liebschaft zu Robin werden bestenfalls skizzenhaft angedeutet und in keiner Form nachvollziehbar ausgestaltet.
Was dann noch übrig bleibt, sind die Gedanken und Reflexionen der Protagonistin über ihr hyperaktives Sexualleben. Was am Anfang drastisch und maximal offen wirkt, wird spätestens beim 25. lesen nervig: "Arschpatient", "Fickpartner", "aufgeilen" - der aufgeklärte Leser lächelt müde über das sich gebetsmühlenartig wiederholende Vokabular. Oder rollt gleich die Augen. Alle anderen haben das Werk an dieser Stelle ohnehin schon als "Schund" weggelegt.

Trotzdem gibt es einige lichte Momente, die dem Buch seine Daseinsberechtigung verschaffen: Wenn Roche die Gefühlswelt von Scheidungskindern und deren verzweifeltes Ringen um Liebe und Anerkennung bzw. ihr erschüttertes Urvertrauen andeutet, trifft sie es in aller Unfertigkeit dabei doch recht genau. Die Beobachterin Roche hat durchaus einen genauen Blick auf die Gesellschaft und analysiert mitunter äußerst treffend; die Formulierung bleibt allerdings hinter dem Inhalt zurück.

Darüber hinaus können beide Geschlechter von dem Buch schlicht noch etwas lernen. Niemand muss sich wegen der Feuchtgebiete weniger waschen, darf aber doch mitnehmen, was Sponges sind, dass Frauen auch ohne Tage Ausfluss haben, und Analduschen genormt sind und einfach an den Duschschlauch geschraubt werden können.

Auch dem Anliegen, die unterjochten Frauen vom Hygienezwang zu befreien, kann man durchaus etwas abgewinnen.

Am Ende bleibt ein mäßiges Buch, mit guten Ideen, die man deutlich spannender und griffiger hätte umsetzen können.

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SanMiguel - 24. Mai, 17:17

Und trotzdem wird ein Hype drum gemacht, als wärs das Buch des Jahres. Was es laut Bestsellerlisten glaube ich auch momentan ist. Ich habs nicht gelesen (und es auch nicht vor), verlasse mich aber mal auf deine Kurzrezension; was sagt uns die? Sex sells...anders kann ich den Erfolg des Buches nicht erklären.

~jose~ (Gast) - 24. Mai, 17:42

Die Frage ist doch immer >Warum?<. Warum soll ich meine wertvolle Lebenszeit damit verbringen (ich schreibe nicht verschwenden, denn ich urteile maßvoll, hoffe ich) über ander Leutes Muschi informiert zu werden?! Und warum hat man nichts besseres zu tun, als darüber zu reden, das jemand über die unhygiene in den Feuchtgebieten des Alter-Egos schreibt. (mich eingeschloßen)
Der Hype der darum gemacht wird, ist glaub ich das was mich am meisten stört - denn es lässt eine Ahnung an die Begeisterung des Menschen an sich (und des Bild-Zeitungslesers im besonderen) erahnen, das Menschen nichts so sehr lieben, wie den nächsten Tabubruch...ich meine jetzt wurde über Ausfluß und Analfuisuren ausführlich und sehr bildreich und detailiert geschrieben und weiter? Also was ist dann die nächste Stufe der entblößten Scham?! :)
Alles in allem möchte ich es gerne mit Flix sagen: Es gibt schöneres.
http://www.der-flix.de/autocartoons/230.jpg


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