Donnerstag, 31. Januar 2008

Football season is over

51AFJQ9N32L-_SS500_Wem die obige Überschrift nichts sagt, hat sich offenbar noch nicht (tiefer) mit Hunter S. Thompson oder dem von ihm geschaffenen Gonzo-Journalismus beschäftigt. Zumindest den Klassiker "Fear and Loathing in Las Vegas" radikalen Freigeistes kennt noch manch einer, darüber hinaus dürften wohl nur noch Fans Bescheid wissen.

Wer auch etwas über die Figur Hunter S. Thompson selbst erfahren will, dem sei als Einstieg die Sammlung "Generation Gonzo" empfohlen. Mit der Stimme des Gerechten wütet Thompson verbal gegen degenerierte Südstaatler beim Pferderennen, wandelt auf den wankenden Spuren der LSD-seeligen Hippiebewegung oder feuert Salven voller Abscheu auf über 50 Jahre korrupte amerikanische Politik. Anwälte, Richter, Polizisten, Politiker - Thompson reißt an den Masken und Fassaden, bis auch der letzte Saubermann die hässliche Fratze aus Verlogenheit, Habsucht und Machtgier trägt. Dabei ist er immer so sehr selbst Teil des subjektiv erzählten Horrors, dass die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn bald nur noch eine blasse Spur ist. Fast nebenbei offenbaren die Texte (neben den Reportagen für Thompsons Stammblatt Rolling Stone auch Essays, Romanauszüge und Briefe) einen kritischen Blick auf die Geschichte der U.S.A., vor allem der späten 60er und der 70er, aber auch der 80er und 90er Jahre. Eine schonungslose Dekonstruktion dessen, was in seiner übersteigerten und verzerrten Form die vielleicht genaueste Abbildung des (gescheiterten) amerikanischen Traumes darstellt.

Die FAZ hat ihn den "größten Schriftsteller unter den Journalisten, und den größten Journalisten unter den Schriftstellern" genannt, der Rolling Stone hielt ihn für "einen der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts." Beides würde ich zweifellos unterschreiben. Begeisterungsfähige Leser muss die Leidenschaft mitreißen, mit der Thompson beispielsweise Ex-Präsident Richard Nixon in einem Nachruf "würdigt": Richard Nixon ist jetzt weg und ich bin umso ärmer. Er verkörperte für mich "die Quintessenz" - ein Monster, ein Grendel der Politik und ein sehr gefährlicher Feind. Er konnte dir die Hand schütteln und gleichzeitig einen Dolch in deinen Rücken rammen. [...] Solange er politisch aktiv war, konnten wir uns immer darauf verlassen, unseren Feind Nixon auf der mit Lug und Trug gepflasterten Straße zu finden. Es war müßig, woanders nach dem bösartigen Hurensohn zu suchen. [...] Er war ein menschliches Schwein und ein dumm schwätzender Gimpel von Präsident. Nixon war so knüppelkrumm, dass er Diener brauchte, die ihn morgens in seine Hosen schraubten. Sogar sein Begräbnis war illegal. Es war abstrus, wie es abstruser nicht ging. Man hätte seinen Leichnam in einer Mülltonne verbrennen sollen.
Und das ist nicht das Kraftvollste, was Thompson im Verlauf der ca. 40 Berufssjahre geschrieben hat, die in diesem Buch solide umrissen sind. Thompsons Sprache ist räudig und doch geschmeidig, scharf und malerisch, vor allem aber: immer aufrecht. Ein Muss für jeden, der Originale zu schätzen weiß.

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Also die Fortsetzung von Fear and Loathing, nämlich "Fear and Loathing on the Campaign Trail '72" sollte man auch noch kennen. Darüber hinaus solltest du dir Thompsons Stuff auf jeden Fall im Original antun. Es gibt glaub ich wenig Literatur, bei der durch die Übersetzung so viel an Wesen verloren geht wie bei Thompson.
Man vergleiche nur den Anfang von "Fear and Loathing...":

"We were somewhere around Barstow at the edge of the desert when the drugs began to take hold."

"Wir waren irgendwo am Rande der Wüste in der Nähe von Barstow als die Drogen zu wirken begannen."

Das is doch scheisse.

DeDe - 4. Feb, 21:23

Natürlich völlig richtig. Die unmittelbare Wirkung ist nur im Original ohne Abstriche vorhanden.

Gerade habe ich mir von meinem Bruder zu Weihnachten eine hübsche, von Ralph Steadman illustierte,englische Edition von F&L schenken lassen. Großartig.

fein. ^^

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